Der fleißige Graf und das Vergessen

… desto vergnüglicher wird die Arbeit. Einmal macht es nach wie vor eine unbändige Freude, ein kolossales Zeitungsarchiv zu durchstöbern; dann läßt sich tatsächlich eine kleine Rezeptionsgeschichte erstellen, durch die man immer neue Menschen kennenlernt; und schließlich wird immer deutlicher, daß unser Hauptdarsteller, als er in späten Jahren seine Memoiren aufschrieb, sehr selektiv vorging: Er verstand es, mit leichter Hand vor allem jene Anekdoten zu berichten, die den Gegenstand seiner Erinnerungen nicht ganz so glücklich aussehen ließen, wie sie bei einem »besseren« Gedächtnis erschienen wären.

Ein markantes Beispiel betrifft den bereits angesprochenen Grafen Ferdinand Peter Laurencin, der sich in der Neuen Zeitschrift für Musik schon früh sehr differenziert mit dem Schaffen Goldmarks befaßt hatte. Sein Name fällt in den Erinnerungen ganze zweimal. Zunächst wird lediglich seine Visitenkarte erwähnt (derlei hinterließ man seinerzeit, wenn man jemanden besuchen wollte, diesen aber nicht antraf), und dann ist von einer für seine Erlaucht nicht ganz unpeinlichen Episode die Rede: Goldmark hatte seinem Kollegen Peter Cornelius das Manuskript seines Streichquartetts op. 8 geliehen, der es seinerseits dem Grafen weitergab, »der darüber schreiben wollte. Tatsächlich schrieb dieser in der ›Neuen Zeitschrift für Musik‹ (Brendel) einen wahren Hymnus. Als ich es auch von diesem zurückverlangte, fand sich das Stück nicht, trotz allen Suchens, trotz meiner wiederholten Bitten, das Stück fand sich nicht. – Da ging ich einmal selber zu ihm und bat, doch einmal gründlich nachzusehen, ich hatte keine Abschrift, er hatte es niemandem weitergeliehen, es müsse sich finden. Während nun Laurencin in seinen Noten kramte, einen Kasten [NB: Schrank] ausleerte, nahm ich aus Langeweile ein Notenheft vom Klavierstuhl – es war mein Quartett; er benützte es als Unterlage, saß die ganze Zeit darauf, ohne es zu wissen« (S. 75f).

Es wäre diese kleine Randnotiz nicht der Erwähnung wert, wenn der nämliche Graf Laurencin einzig den »Hymnus« auf das frühe Streichquartett und vielleicht auch sonst nur die eine oder andere nette Rezension publiziert hätte. Ob jedoch das riesige Portrait, das die NZfM in den Monaten Oktober bis Dezember 1878 in elf aufeinander folgenden Wochenblättern herausbrachte, so leicht dem Vergessen hätte anheimfallen können, wie es in den Erinnerungen den Eindruck macht?

Die Artikelserie – sie beläuft sich nach heutigen Maßeinheiten auf mehr als 35 Seiten – ist nachfolgend in ihre einzelnen Erscheinungsdaten unterteilt, die ich mit den zugehörigen Notenbeispielen und mit einigen Abbildungen versehen habe, um die klassische Bleiwüste ein wenig aufzulockern.

  • Einleitung und erste Werke

  • Das Streichquintett op. 9 (Anfang)

  • Das Streichquintett op. 9 (Fortsetzung 1)

  • Das Streichquintett op. 9 (Fortsetzung 2)

  • Vom Streichquintett »en Suite« bis zum Frühlingsnetz

  • Frühlingsnetz, Meeresstille, Scherzo und Lieder

  • Ungarische Tänze und Frühlingshymne

  • Die Ländliche Hochzeit (I)

  • Die Ländliche Hochzeit (II)

  • Die Königin von Saba (I)

  • Die Königin von Saba (II)


  • Keine zwei Monate nach dem vorläufigen Abschluß seiner Serie fühlte sich Graf Laurencin genötigt, seinen ausführlichen Besprechungen einen Nachtrag folgen zu lassen, da Carl Goldmark inzwischen mit seinem Violinkonzert a-moll op. 28 an die Öffentlichkeit getreten war. Die Uraufführung des Werkes hatte in den ersten Novembertagen des Jahres 1878 in Bremen stattgefunden, und am 10. desselben Monats war das Werk zum ersten Male auch in Wien zu hören. Laurencins Betrachtungen erschienen am 14. und 21. Februar 1879 in der Neuen Zeitschrift für Musik und mag ein gewichtiger Grund für die »Vergeßlichkeit« des Komponisten gewesen sein, der in dem insgesamt achtspaltigen Artikel nicht eben glänzend abschnitt.

  • Das Violinkonzert (Anfang)
  • Das Violinkonzert (Schluß)