Wien

Auf Anhieb hat der italienische Pianist Gabriele Leporatti mit seinem jungen Label ETERA* die Aufmerksamkeit der Kenner und Liebhaber überraschender Einsichten gefunden. In seinem vorigen Solo-Album, in dem Robert Schumann und Ottorino Respighi ein ungewöhnliches Rendezvous hatten, spielt er »mit großartigem Klanggespür und transparenter Finesse« (PIANONews), und die Duoproduktion mit dem russischen Bratschisten Yuri Bondarev war nicht zuletzt ihres »ultimativen Schostakowitsch« wegen CD des Monats bei dem französischen Portal ResMusica.com.

Das neueste Konzept des ideenreichen Künstlers, der seit 2012 unter anderem an der Düsseldorfer Rubinstein-Akademie unterrichtet, trägt den vielversprechenden Titel »Wien«: Mit seiner ungewöhnlichen Werkauswahl huldigt Leporatti dem Tanzvergnügen der k.k. Donaumetropole – durch die Augen von Maurice Ravel, der seine Valse zunächst nach der Stadt der habsburgischen Kaiser benennen wollte. Die Zeit des Rokoko wird lebendig durch die späte Reflexion, die Ludwig van Beethoven in seinen beiden Rondos op. 51 ausgedrückt hat; daneben steht eine Verneigung vor dem explosiven Genie Beethovens – aus der schöpferischen Sicht des »späten« Franz Schubert, dessen Sonate D 958 aus dem Kern der 32 Variationen c-moll emporsteigt. Und schließlich gibt sich in diesem Kontext die frühe »impressionistische« Träumerei von Richard Strauss tatsächlich wie der Wunschtraum eines Wunderkindes: diese Stadt der Musik eines Tages selbst zu erobern.

Die Zusammenstellung und Anordnung, so Leporatti zu der Sequenz von Beethoven-Schubert-Strauss-Ravel, hat sich nicht durch intellektuelle Erwägung, sondern aus dem Umgang mit den Werken selbst ergeben. Gemeinsamkeiten, feinste Verbindungslinien haben sich aufgetan, aus denen das Netz gesponnen ist, in das kreative Geister jahrhundertelang gegangen seien. Deshalb sollte das Programm auch ohne Unterbrechung gehört werden, weil so am besten zu erspüren sei, wie der genius loci dieses einzigartigen Ortes anzieht, prägt und verändert, wie er niemanden, der dort für eine Weile blieb, unberührt aus seinen Kreisen entlässt. Natürlich finden wir dieses Phänomen nicht in »Wien« allein; doch finden wir’s besonders hier, wo so lange so viel Musik-, Kunst- und Geistesgeschichte geschrieben wurde. Und es wirkt bis heute fort …

* Etera ist das etruskische Wort für »Diener«.

Weitere Informationen: www.gabrieleleporatti.com