Eine Rarität: Die Kammermusik von Henri Bertini

So oft sich die Mitglieder des Linos Ensembles im Laufe der langen gemeinsamen Karriere auf die Suche nach kammermusikalischen Raritäten gemacht haben, so oft ist es ihnen gelungen, die Fachwelt in Staunen und die Liebhaber des Besonderen in Entzücken zu versetzen. Ob vergessene oder anderswo als Lückenbüßer heruntergespielte Komponisten, ob seltene Bearbeitungen – die Diskographie des außergewöhnlich flexiblen, vom Duo leicht bis zum Duodezimett expandierenden Ensembles ist eine Fundgrube, und es sieht auch nach 43 Jahren nicht so aus, als solle der Nachschub abreißen.

Im Gegenteil. Gerade erst ist bei cpo eine neue Produktion erschienen, die wir mit allem Recht als doppelte „Entdeckung“ werden bezeichnen dürfen, weil nicht nur die beiden hier gekoppelten Werke an sich hörenswert genug sind, sondern sie überdies die Aufmerksamkeit auf einen Komponisten lenken, der nach ruhmreichen Jahren fast gänzlich von der Bildfläche verschwunden ist und, wenn er denn überhaupt noch Erwähnung findet, in unseren Regionen meist mit dem Schlagwort „der französische Czerny“ verkannt wird.

Die Rede ist von dem einstmals gefragten Klavierlehrer, erfolgreichen Pianisten und angesehenen Komponisten Henri Bertini, dessen Grand Trio für Klavier, Violine und Violoncello A-dur op. 43 und Nonetto D-dur op. 107 für Flöte, Oboe, Fagott, Horn, Trompete, Bratsche, Violoncello, Kontrabaß und Klavier im Februar 2020 ihre Ersteinspielung erlebten.

Weil seine Familie vor der Französischen Revolution nach England geflohen war, erblickte er am 28. Oktober 1798 in London das Licht einer aus den Fugen geratenen Welt. Frühen Konzertreisen an der Hand des Vaters folgte eine bunte Jugendzeit, die ihr Ende fand, als sich Henri Bertini 1821 in Paris niederließ, von wo aus er seine pianistische Laufbahn betrieb. Seine Etüden für alle Schwierigkeitsstufen brachten ihm auch im Ausland große Anerkennung, während die Kammermusiken mit Klavier – namentlich seine Trios und Sextette sowie das Nonett – immer wieder auf den Spielplänen erschienen. Seit 1859 lebte Bertini auf seinem Gut in Meylan bei Grenoble, wo er 1876 auch verstarb.

„Wie lauter Sammt und Seide fühlt sich seine Musik an,“ hatte Robert Schumann in einer seiner Besprechungen geschrieben, und tatsächlich finden wir in Bertinis Werken oft genug ein leises, sanftes Funkeln, das freilich nur einen Aspekt seines Stiles darstellt: Der Klavierpart des Trios, den Konstanze Eickhorst, flankiert von ihren Kollegen Winfried Rademacher und Mario Blaumer, mit authentischem Geschmack exekutiert, unterscheidet sich merklich von dem zurückgenommenen, aufs kammersymphonische Ganze konzipierten Einsatz des Tasteninstruments, das im Nonett ganz anders traktiert werden will – und an der Bewältigung dieser sehr verschiedenen Aufgaben erkennen wir wieder einmal die Wandlungsfähigkeit der sensiblen Künstlerin, die nicht von ungefähr seit Jahrzehnten im Linos Ensemble den Klavierton angibt.

Weitere Informationen:
www.linos-ensemble.de
www.konstanze-eickhorst.de