Robert Schumann meets Andreas Tarkmann: Von der Kunst der Kolorierung
„Das Klavier wird mir zu enge, ich höre bei meinen jetzigen Kompositionen oft noch eine Menge Sachen, die ich kaum andeuten kann.“ Eigentlich wäre es eine große Verlockung, aus der vielzitierten und daher wohlbekannten Klage des weiland 28-jährigen Robert Schumann die nachschöpferischen Konsequenzen zu ziehen und seiner Musik überall, wo er diese „Sachen“ hörte, durch klangliche Experimente beizuspringen. Warum nicht etwa das „quasi Oboe“ der ersten Klaviersonate beim Worte nehmen, warum nicht aus der dritten, dem Concert sans orchestre, ein solches avec orchestre gestalten oder in einem der poetisch-pittoresken Zyklen den leisen Tönen zu lauschen, die da durch die Töne des Klaviers gezogen kommen?
Damit solche Unternehmungen nicht ausgehen wie der Versuch des mächtigen Häufleins, den Carnaval in eine Orchestersuite zu verkehren, bedarf es freilich eines Künstlers, dem der Umgang mit den Möglichkeiten der instrumentalen Palette(n) zur zweiten Natur geworden ist – eines erzmusikalischen, zudem in allen Finessen des Tonsatzes gründlich ausgebildeten Charakters, der bei seinen Versuchen nichts anderes täte als ein feinsinniger Aquarellist im Umgang mit delikaten Bleistift- oder Sepiaskizzen …
Andreas N. Tarkmann (*1956) ist ein Vertreter dieser raren Spezies. Aus seinen eigenen, oft genug im wahrsten Sinne des Wortes „märchenhaften“ Kompositionen („Die Prinzessin auf der Erbse“, „Nils Holgersson“ u.v.a.) spricht ein Faible für Kinderwelten, in denen bekanntlich dem „Staunen-Können“ ein bedeutender Stellenwert zukommt – und eben dasselbe Staunen prägt die unzähligen Arrangements, mit denen er seit Jahrzehnten von sich reden macht. Die instrumentale Rettungsaktion, die er der vierten Symphonie von Emilie Mayer angedeihen ließ; Die schöne Müllerin, in der er jüngst die Klavierstimme stilecht und bezwingend in eine Schubert’sche Oktettformation auflöste, sind nur zwei Beispiele für eine Phantasie …
… die jetzt im Dienste Robert Schumanns ans Werk gegangen ist. Die Waldszenen op. 82, mit denen der Dichter am Klavier vor nunmehr bald einhundertundachtzig Jahren in die geheimnisvollen und überraschenden Tiefen eines romantisch-weitläufigen Waldgebietes entführte, hat Andreas N. Tarkmann das ganze Potential verborgener Farben entlockt und in einer Kammerorchester-Partitur festgehalten: Der Jäger lauert noch lauernder, die verrufene Stelle ist düsterer, die freundliche Landschaft gelöster, die Prophezeiung des Waldvogels betörender – eine Hypothese zwar, doch eine solche von verblüffender Natürlichkeit, die den „Sachen“, die Schumann mitunter hörte, durchaus näher gekommen sein dürfte.
Im zweiten Teil des Programms schlägt Andreas N. Tarkmann einen anderen Weg ein: Nach den „handkolorierten“ Szenen aus dem Walde setzt er sich mit dem späten Violinkonzert in d-moll auseinander, das vermöge einiger dezenter Farbretuschen und einer Ganztontransposition abwärts als Konzert für Klarinette und Orchester eine ganz andere Figur macht als das Original, das Clara Schumann und Johannes Brahms ein Leben lang eifersüchtig bewachten. Die Idee hinter dieser Mutation leuchtet ein: Als Klarinettenkonzert kann das Werk „auf unvoreingenommene Ohren hoffen und – befreit von der überwältigenden Violinkonzert-Konkurrenz wie von den Schatten der Geschichte – seine Wirkung entfalten“ (Ann-Kathrin Zimmermann). Quod erat demonstrandum.
Am Ende unterzeichnet sich der Bearbeiter der beiden Werke selbst – mit seiner zauberhaften Miniatur September für Klarinette und Orchester, dem Bonus-Track der Produktion, die das Litauische Kammerorchester, der Klarinettist Roeland Hendrikx und der Dirigent Vilmantas Kaliunas mit hörbarem Vergnügen für das Label Coviello Classics eingespielt haben.
Weitere Informationen:
www.tarkmann.com
www.roelandhendrikx.com
vilmantas-kaliunas.com
www.covielloclassics.de
Veröffentlichung: 4. September 2026
Robert Schumann / Andreas N. Tarkmann
Waldszenen (orch. für Orchester)
Robert Schumann / Andreas N. Tarkmann
Klarinettenkonzert c-moll
(nach dem Violinkonzert d-moll)
Bonustrack: Andreas N. Tarkmann
September, Intermezzo für Klarinette und Streichorchester Andante semplice
Roeland Hendrikx, Klarinette
Litauisches Kammerorchester
Dirigent Vilmantas Kaliunas
Coviello Classics COV 92610
VÖ: 04.09.2026, Vertrieb: note 1 music




