Christian Seibert trifft Alexandre Tansman

»Was mich an Tansman begeistert? Seine Musik ist dem Menschen und der Welt zugewandt. Sie ist beeinflußt durch sämtliche Musikformen ihrer Zeit, will diese Beeinflussung und bleibt doch etwas durch und durch eigenes. Weltoffenheit: Das ist für mich ein Grundgefühl dieser Musik, und insofern hat sie für mich als Interpret etwas Befreiendes an sich. Pianistisch ist Tansman anspruchsvoll, verlangt sein lebendiger Detailreichtum eine große Konzentration und Reaktionsfähigkeit. Eine willkommene Herausforderung.«

Es gibt Musiker, denen Bekenntnisse dieser Art wie Nektar von den Lippen fließen, so lange sie denn nur das vordergründige Treiben eloquent garnieren helfen. Anderen jedoch wie dem Pianisten Christian Seibert wird man’s schon nach wenigen Tönen abnehmen, daß der Hang zu den »Abseitern«, wie Johannes Brahms gesagt hätte, nicht marketingstrategischer Erwägung, sondern innerer Überzeugung entspringt.

Der Mittdreißiger, der unter anderem beim Busoni-Wettbewerb von Bozen und dem Zwickauer Schumann-Wettbewerb erfolgreich war, verfügt über eine sogleich bemerkliche Gabe: den Dingen derart auf den Grund zu gehen, daß das Wesen – und sei es noch so sperrig oder verborgen – ans Tageslicht kommt.

Sein Hindemith etwa, den er vor einigen Jahren bei cpo herausbrachte und seine ebendort erschienene Auseinandersetzung mit den Konzertetüden Ernst Tochs, dann aber auch seine Rundfunkproduktionen zu Themen wie Max Reger oder gar Hermann Schroeder (dem in Fachkreisen berüchtigten »Quartenhermann«) mögen disparateste Naturen vorstellen, beseelte Musik jedoch entsteht in jedem Falle.

So geschah es auch, als die hier vorliegende Aufnahme mit dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt (Oder) unter Howard Griffith entstand:

Alexandre Tansmans jazzig-freches Concertino von 1931 schnurrt dahin wie ein prächtiges Tischfeuerwerk, während die Pièce concertante für linke Hand und Orchester (1943) mit dem Ernst der Situation spielt: Das Stück, das Paul Wittgenstein hätte erhalten sollen, ist so mit einarmigen Gaunereien gespickt, daß an eine zeitgenössische Aufführung nicht zu denken war und die rabiate Komposition als Klavierauszug liegenblieb, bis sie vor einigen Jahren von dem Polen Piotr Moss orchestriert wurde.

Die Uraufführung fand am 22. Januar 2009 in Frankfurt an der Oder statt – natürlich mit Christian Seibert am Klavier, der damit der Reihe seiner bisherigen Lorbeeren eine weitere hinzufügen konnte, weil er über die kolossalen technischen Provokationen hinaus wieder einmal ans Wesen vorgedrungen war.