Farben, die nur ein Meister auf seiner Palette hat

Theater, Kunst und Literatur
Linz,
19. November

Goldmarks »Götz von Berlichingen« ist nicht das einzige Werk, das uns unter der Aegide eines Schöpfers vorgeführt wurde. Früher schon ist der »Evangelimann« mit dem Dichter-Komponisten Wilhelm Kienzl, als Dirigenten uns vorgeführt worden. Die erziehliche Tätigkeit, welche Kienzl und Goldmark, beide Künstler von Weltruf, in längerer Anwesenheit auf unserer Bühne entfalteten, ermöglichte wirkliche Festvorstellungen, die in der Provinz überaus selten sind. Das bewirkt aber nicht der Glanz des Namens allein, sondern erst die ernstlich vollbrachte Tat. Im »Götz« kommen Aufgaben, besonders bezüglich der Chorführung vor, die nicht im Handumdrehen lösbar sind. Die Ratsszene, z. B., mit den hereinstürmenden Handwerkern, die sich à la »Sieben Schwaben« nicht auf Götz loszugehen getrauen, so lebendig und humorvoll zu gestalten, wie es der Fall war, ist schon an sich ein Kunststück der Regie. Und gewiß nicht leichter ist die Bauernrevolte mit dem gährenden [!], musikalischen Element, das sich in kurzatmig gehackten Chören zum Bilde des ungebändigten Wollens wilder Triebe formt, in Einklang zu bringen. Die pedantisch abgemessene, aber humorvolle, mit einem leicht und locker gebauten Orchestersatz in altem Stile eingeleitete Pantomime der Pagen wurde zu einem Schaustück, desgleichen der pompöse Auszug des Bischofs von Bamberg. Die vielen dabei verwendeten Leute waren in mannigfaltige Gewänder gehüllt, die dem Auge eine angenehme Abwechslung boten. Und bei aller ausgedrückter Lebhaftigkeit wurde das strenge musikalische Gesetz weder umgangen noch gebeugt. Karl Goldmark hat sich als der beste Regisseur seines eigenen neuesten Bühnenwerkes erwiesen. Möge es sich nach Verdienst nur auch recht zugkräftig erweisen. Goldmarks musikalische Gaben gipfeln in einer warmblütigen Melodik und seine Instrumentierung leuchtet in Farben, die nur ein Meister auf seiner Palette hat. Im »Götz« wiederholt er, was von seinen Eigenschaften in aller Welt längst bekannt ist, doch gebot ihm der Stoff mehrmals, sich des gewohnten Prunkes zu begeben und eines naiven, angenehm berührenden Volkstones zu bedienen. Aehnlichkeiten weicht der Tonmeister sicherlich geflissentlich nicht aus. Es kommt schon vor, daß der befreiende Säckingen ähnlich erlösend wirkt, wie der Minister im »Fidelio« oder daß die düstere Szene der Feme im Wildpark an die quälenden Selbstvorwürfe Telramunds beim Zusammenbruche seines Glückes mahnt, einen Augenblick glauben wir den »Einsamen« von Schubert wandeln zu sehen und das Todesseufzen eines gemordeten Knaben aus einer Hebbel-Schumannscheu Ballode zu vernehmen, aber das ist Sinnestäuschung, die eine literaturdurchsättigte Phantasie vorspiegelt. Goldmarks selbständige Gestaltungskraft, die nicht betteln geht, sorgt für das gründliche Verschwinden solcher erinnernder Augenblicksbilder. Das Wert wurde, wie wir bereits erwähnt, enthusiastisch aufgenommen, dem greisen und noch so schaffensfrischen Tonmeister wurde jubelnde Ehrung bereitet in der Hauptstadt jenes Landes, das alle Ursache hat, sich der Werke Goldmarks, die in ihm erstanden, zu freuen. Nur sollten wir mehr darauf eingeschult werden, denn die Eigenart Goldmarks befremdete beispielsweise in der übrigens prächtig gespielten Ouvertüre, die die später kommenden und hier noch unbekannten Hauptmotive wenig auffällig aneinanderreiht, um erst gegen den Schluß sich zu starker, durchgreifender Wirkung zu erheben. Neben dem das Hauptinteresse des Hauses in Anspruch nehmenden Tondichter wurde der Kapellmeister Herr Friedrich Sommer ganz außerordentlich geehrt. Auch er mußte auf der Bühne wiederholt dankend vortreten. Sein ganzer Musikstab und die Sänger gehorchten ihm auf den Wink des Auges und der Hand. Mit Vergnügen konnte man die Sicherheit und Klarheit in der Durchführung der Intentionen und dazu Objektivität und gewinnende Ruhe bei einem derart schwierigen Werke beobachten, das so kunstreich gewebt ist und so häufig wechselnde dynamische Abstufung verlangt und nur mit rhythmisch sehr scharfem Zügel in gesichertem Gang erhalten werden kann. Das Orchester glänzte unter Sommers Führung durch eine Schmiegsamkeit, die den Solisten ein ungedecktes Darbieten ihrer Mittel erlaubte, auch die Männerchöre hatten einen hübschen Anteil an dem großen Erfolg der Oper. Dem Leiter unserer Oper, Herrn Direktor Oskar Schramm, gebührt volle Anerkennung für seine Opferwilligkeit, stellte er doch eine beträchtliche Komparserie auf der Bühne und eine Verstärkung im Orchester bei und dann ließ er einen neuen Prunksaal malen, mit dem der Theatermaler Herr Gustav Hadrigan abermals seine Kunstfertigkeit beweisen konnte. Dekorativ waren alle Bühnenbilder hübsch angeordnet, nur das Schloß Miltenberg (4. Akt) lag oben auf der Waldhöhe unförmlich wie ein erratischer Block, den die Eiszeit hergetragen. Die hinter ihm hochaufragenden Berge in der freien heiteren Landschaft können wir auf der Landkarte von Mitteldeutschland nicht entdecken. In der Ratsstube (2. Akt) wäre ein aufschließbarer Gerichtsschranken am Platze.

Den letzten würdigen Ve[r]treter des deutschen Rittertums und Repräsentanten eines abscheidenden Zeitalters, den Götz, sang Herr Arnold. Der Beifall, der ihm anhaltend zuteil wurde, zeigte, daß er die Biederkeit, Treuherzigkeit, den ungebeugten Mut und die Selbstsucht dieser berühmten Goetheschen Gestalt richtig getroffen und mit seinen edlen Stimmitteln wirksam hervorgehoben hat. Innerlich ergreifend stellte Fräulein Sauter den Heldenknaben Georg dar. Frl. Martinez war die erwartete schlichte, einfache Hausfrau Götzens und für dessen Schwester Maria fand das Frl. Sondra den passenden, kindlich frommen Ausdruck. Herr Bara ist noch ein Anfänger in der Darstellung, dafür erzielte er mit seiner schönen und wohlgebildeten Stimme wieder die beste Wirkung. Die Adelheid von Walldorf ist der dramatischeste Charakter des Stückes. Hohes Streben, verführerischer Reiz und bezaubernde Liebenswürdigkeit unterstützen sie in ihrem buhlerischen Treiben, das sie mit einem grauenvollem Ende büßt. Frl. Dereani bringt für die Darstellung der Rolle die schauspielerische Intelligenz und die schönen Stimmittel mit, die in der Premiere nur etwas schwer ansprachen Sie wurde reichlich geehrt und erhielt sogar einen Blumenkorb. Weislingens Knappen, den liebeglühenden Franz gab Herr Krause, wohl nur der Not gehorchend und nicht dem innern Triebe. Dieser Franz war lauter Pose und leider eine durchaus heroische. Nur im coupletartigen Strophenliede vergaß er den Helden des Venusbergers und verjüngte sich innerlich zum Junker, der noch nicht den Ritterschlag empfangen; die Rolle liegt dem Sänger äußerlich und innerlich nicht gut, das ist mißlich. In den Kraftanläufen des dritten Aktes war der Heldentenor Krause allerdings Herr der Situation. Auch er, sowie überhaupt das ganze Solo-Ensemble wurde mit stürmischem Beifall erfreut. Herr Schramm trat auch als Sänger gleich mit zwei heterogenen Rollen vor. Er tragierte den Bischof, der mit Adelheid als Werkzeug diplomatische Erfolge erzielt und den brutal dareinschlagenden und mörderischen Bauernführer Metzler. Andere Doppelbesetzungen waren die der Rollen des ersten Ratsherrn und dritten Femrichters durch den verdienstlich wirkenden Herrn Halper, dann des Ritters Selbitz und ersten Femrichters durch Herrn Vollmer und des Herrn Deutsch, der den zweiten Femrichter und den Lerse sang. Herr Roche zeigte spitzfindigen Humor als zweiter Ratsherr, Herr Trier war ein markiger Bauernführer und Herr Bader der vierte im Femrichterquartett. Zur Wirkung der Oper tragen die heiteren Gestalten des geckenhasten Pagenmeisters (Herr Wiet) und der übermütigen Pagen (die Fräulein Dietz, Schubert und Macku) viel bei. Den stummen Sickingen gab der Schauspieler Herr Franz, den kleinen Karl und die Zofe Irmgard die Fräulein Hoppé und Husserl. Ae.P.
(Linzer Tages-Post vom 20. November 1904)