Neues Wiener Tagblatt vom 17. Mai 1900

Carl Goldmark.
(Zum 18. Mai 18. Mai 1300.)

Am Ende der Vierzigerjahre zog ein schmächtiges, unansehnliches Büschchen, das kam dem Knabenalter entwachsen schien, zu den Thoren Wiens ein. Die kräftig geschwungene Nase und das schwarz gelockte Haar des Kleinen verriethen den Israeliten. Ueber den braunen, von innerem Leben strahlenden Augen wölbte sich eine energische freie Stirn, und auch der geschlossene Mund deutet deutete trotz seiner langen, weichen Oberlippe auf einen entschiedenen, willensstarken Charakter. Carl Goldmark, so hieß der junge Mann, führte nicht viel anderes Gepäck mit sich als seine Geige und etliche beschriebene Notenblätter. Mit der Geige hatte er sich in der Heimat schon sein tägliches Brod verdienen müssen. Denn Vater Goldmark, der Cantor zu Keszthely am Plattensee in Ungarn war, glaubte genug für seine Kinder getan zu haben, wenn er sie bis zum dreizehnten Jahre erhielt. Von vierundzwanzig Kindern war zwar nur die Hüllte am Leben geblieben, aber diese zwölf sollten mit dem Hungerlohn von zweihundert Gulden ihr Auskommen finden, und die Schwierigkeit dieses Rechenexempels hatte den Grund zu jener verzweifelten Pädagogik gelegt. Carl, dessen musikalische Begabung sein einziges väterliches Erbe war, mußte mehrere Male in der Woche von Keszthely nach einem zwei Stunden weit entfernten Orte marschiren, um von einem barmherzigen Musiker Gratisunterricht im Violinspiel zu erhalten. Dem heranreifenden Jüngling eröffneten sich zu Hause keine glänzenderen Aussichten, als in den Schänken zum Tanz aufzuspielen oder bestenfalls dereinst der Amtsnachfolger seines Vaters zu werden. Vor beiden schauderte ihm, und er ging nach Wien.

Hier lebte der Stolz der Familie, Carls ältester Bruder, der es unter unsäglichen Mühen und Entbehrungen bis zum Primararzt am Allgemeinen Krankenhause gebracht hatte. Bei ihm fand Carl, was er zur Notdurft des Lebens brauchte, und erlangte zugleich einen Platz am Conservatorium, der ihm die Möglichkeit gewährte, sich bei Jansa im Violinspiel zu vervollkommnen und für seine Compositionsversuche ein sicheres Fundament musikalischer Bildung zu gewinnen. Siebzehn Jahre alt, sah Carl Goldmark zum ersten Mal mit seinen eigenen staunenden Augen das Wunderinstrument, von dem er schon so viel Fabelhaftes gehört hatte: das Clavier. Was Alles hatte er nun nachzuholen! Denn er konnte bis dahin kaum Deutsch lesen, geschweige denn schreiben. Mit Feuereifer stützte sich der neue Musensohn auf Künste und Wissenschaften. Als hätte er geahnt, daß die Herrlichkeit nicht lange dauern würde, verdoppelte und verdreifachte er seinen Fleiß und ließ keinen Augenblick unbenützt vorüber. Schon nach fünf Monaten nahm das Wiener Studium ein Ende mit Schrecken. Die Revolution von 1848 brach los. Goldmark’s Bruder, fälschlich der Mitschuld an der Ermordung des Grafen Latour angeklagt und zum Tode verurtheilt, mußte nach Amerika entfliehen. Mit seinem Bruder verlor Goldmark die einzige Stütze, die er in Wien hatte. Da obendrein das Conservatorium auf mehrere Jahre geschlossen wurde, so kehrte er traurig nach Hause zurück und bereitete sich aus einen praktischen Lebensberuf vor. Es glückte ihm auch, an der Neustädter Schule die Abgangsprüfung in den Realien zu bestehen, und er wäre Architekt geworden, wenn ihn nicht der Sturm der unruhigen Zeit von Neuem erfaßt und fortgewirbelt hätte. Sein ungarisches Vaterland hieß den angehenden Baumeister Winkelmaß und Richtscheit beiseite legen und drückte ihm die Sense in die Hand. Der Sensenmann des Oedenburger Landsturms aber fand bei seiner Entlassung nicht mehr zum Baufache zurück. Nach unverrichteten Heldenthaten griff er wieder zum Violinbogen und wanderte vom Oedenburger zum Raaber, vom Raaber zum Ofener Theater, bis er 1850 ins Orchester des Wiener Carls-Theaters eintrat.

Sieben Jahre hindurch saß er, Abend für Abend, an seinem Geigerpult und bediente die Operette. Jede freie Stunde aber verwendete er zur Verbesserung seines Könnens und Wissens, mit solchem Erfolg, daß er, der Unbelehrte, in der Folge ein gesuchter Lehrer wurde. Ohne Kenntniß der Instrumentationskunst schrieb Goldmark sein erstes Orchesterstück, eine Ouvertüre, und er schrieb sämmtliche Stimmen der Partitur im Violinschlüssel, weil ihm die Notation der transponirenden Instrumente fremd war. Alles eignete er sich durch Selbstunterricht an, auch das Clavierspiel. Die nachmalige berühmte Sängerin Caroline Bettelheim war seine Schülerin und konnte als Pianistin sowohl in Wien wie im Ausland Lorbeern sammeln. Zuvor aber veranstaltete Goldmark ein großes Compositionsconcert, um öffentliches Zeugniß abzulegen von seinen Fähigkeiten und dem ernsten Streben, das ihn beseelte, und dieses Concert, das Goldmark, von einem begüterten Kunstfreunde unterstützt, in Budapest wiederholte, bildete einen neuen, entscheidenden Wendepunkt im Leben des Siebenundzwanzigjährigen. Mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit kam ihm die Ueberzeugung, daß er nur durch den gründlichen Bruch mit seinen Verhältnissen dem hohen Ziele nahekommen könnte, das ihm von Jugend aus vorschwebte. Er ließ den Wiener Orchesterposten im Stich and lebte in völliger Zurückgezogenheit zwei Jahre in Budapest. Für seine geringen Bedürfnisse sorgten ein paar Lectionen; sein Hauptaugenmerk aber richtete Goldmark darauf, hinter die Geheimnisse der musikalischen Theorie zu kommen. Da ihn die Noth zum Praktiker gemacht hatte, so verließ er auch hier den zuvor beschrittenen Weg nicht, der ihn zu Bach und Beethoven führte, und gewann aus der Analyse des »Wohltemperirten Claviers« die Kenntniß des Contrapunktes, wie ihn Beethoven‘s Kammer- und Orchestermusik über die Eigenthümlichkeiten und Freiheiten der modernen Sonatenform aufklärte.

Als er 1860 wieder mit neuen Werken vor dem Wiener Publicum erschien, wurde er mit ungewöhnlicher Theilnahme empfangen, und als gar Hellmesberger vier Haupt- und Fundamentalstücke der Goldmark’schen Kammermusik: das B-dur-Quartett, das A-moll-Quintett, das D-dur-Trio und die erste Violin-Suite, in jährlichen Zwischenräumen aufeinander folgen ließ, war der Ruf des Componisten fest begründet. Goldmark arbeitete schwer and entschloß sich zögernd, mit seinen Schöpfungen hervorzutreten. Er zielte lange, ehe er losdrückte, dann aber traf er gewöhnlich ins Schwarze. Solche Treffer sind außer seiner schnell zu internationaler Berühmtheit gelangten ersten Oper »Die Königin von Saba« die Sakuntala-Ouverture, die charakteristische Symphonie »Ländliche Hochzeit«, das Violinconcert, das Clavierquintett, die vier Concertouverturen, die zweite Violinsuite und mehrere Liederhefte. Diese und andere Werke haben zu der großen Popularität beigetragen, deren Goldmark sich nicht nur in Wien, sondern in der ganzen musikalischen Welt erfreut, und sie sind jedem Musikliebhaber so gegenwärtig, daß der bloße Aufruf seines Namens genügt, um ihre tönenden Bilder lebendig hervorzuzaubern. Sie sprechen für sich selbst, haben keinen Tadel zu fürchten und bedürfen keiner Anpreisung, um etwas zu gelten. Auch darin sind sie echte Kinder ihres Vaters, der den selbstgebahnten Weg zur freien Höhe unbeirrt von Lob und Tadel emporgestiegen ist.

Voll gerechten Stolzes darf Goldmark heute herab- und zurücksehen auf die trüben und verworrenen Anfänge seiner Jugend; mit dem Titanen, den er besungen hat, könnte er sich in die Brust werfen und sprechen: »Hast du nicht Alles selbst vollendet, heilig glühendes Herz?« Doch seine rührende Bescheidenheit, die so groß ist wie sein musikalisches Talent, hat Uebermuth und Trotz niemals in ihm aufkommen lassen. Aus dem armen Judenjungen ist ein Fürst im Reiche der Idee geworden, das herrlich ist vor allen Reichen der Erde. Liebe, Bewunderung und Ehrfurcht begrüßen den Siebzigjährigen, de r sich vor den Huldigungen seiner Verehrer in sein stilles Asyl am grünen Traunsee zurückgezogen hat. Wenn an seinem Geburtstage die unversiegliche Schaffenslust der philosophischen Beschaulichkeit, der Goldmark gern nachhängt, Platz macht, so wird er vielleicht, leise lächelnd, eine Thräne im Auge zerdrücken, sonst aber mit derselben heiteren Ruhe an die Geschichte seiner Kindheit zurückdenken, mit der er sie in einer unvergeßlichen Plauderstunde einmal seinem dankbaren Zuhörer erzählte.

Max Kalbeck.