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Nur wer staunen kann, kann auch erschaffen

Die polare Musik Rotation 90°N von Robert Bachmann

 

In meiner Musik für Streicher Rotation 90° N ist der Ausgangspunkt der Nordpol. Der 90. Grad nördlicher Breite wird aus dem nördlichen Schnittpunkt der Erdachse mit der Erdoberfläche sowie aller Meridiane des Gradnetzes gebildet. Im Gegensatz zu dem im Landesinneren von Antarctica gelegenen Südpol liegt der geographische Nordpol inmitten des packeisbedeckten Nordpolarmeeres. Er bezeichnet den nördlichsten Punkt der Erde. Von ihm führt jede Richtung gen Süden.

The composer of ROTATION at the North Pole at latitude 90° North. Photograph: Lord Burghersh, 1998

Um einen meditativen Standort, weit entfernt von manipulierter Umwelt und Zivilisation, ging es mir, als ich zwischen dem 15. und 18. April 1990 am Nordpol mein Lager aufschlug. Dort, auf dem Packeis des arktischen Ozeans, empfand ich das Gefühl, im Spannungsfeld des Zentrums der Erddrehung in die Mystik elementarer Einsamkeit eingebunden zu sein. Diese Erfahrung setzte sich in mir in Klänge um und in Musik - und konkretisierte sich in dieser Komposition für Streicher.

Das musikalische Erlebnis spiegelt die Ruhe und Gelassenheit wider, die das Ergebnis tiefer Meditation mit sich bringen kann. Dabei hatte ich das Empfinden der am Pol erlebbaren Erdachsendrehung transformiert in die universelle Kreiselbewegung unseres Planeten. Diese "erfahrene" Rotation bewegt auch meine Komposition, sie ist deren Antrieb und Wesen. (Robert Bachmann)

Das Verhältnis zwischen Landschaft und Musik ist so unerklärlich wie offenkundig: Was etwa wären das Violinkonzert und die zweite Symphonie von Johannes Brahms ohne Pörtschach, was die zweite und dritte Symphonie von Gustav Mahler ohne den Attersee? Was wäre Jean Sibelius ohne die Trolle und Recken, die sich in den finnischen Wäldern tummelten - und was Sir Arnold Bax ohne sein Tintagel ...?

Wir hören Musik, und es stellen sich - oft genug durch die Betonung der geographischen Bezüge - die verschiedensten Bilder ein. Bilder von Birken womöglich, von gischtender See und alten Burgen, von abgrundtiefen Canyons und himmelstürmenden Wolkenkratzern. Und just diese Beschwörung visueller Eindrücke, Evokationen oder Erinnerungen wird gern als Verständnishilfe musikalischer Erscheinungsformen benutzt.

Doch es gibt einen beträchtlichen Unterschied zwischen bezaubernden Landschaften einer- und magischen Orten andererseits, zwischen dem Ungefähr des Reiseführers und der Präzision jener ganz exakt definierten Koordinaten, die zum Beispiel bei der Entstehung von Rotation 90°N eine so wesentliche Rolle spielten.


Wir alle werden jeden Tag mit einem ganz erheblichen Tempo auf verschiedenen Kreisbahnen umhergeschleudert. Die Erde dreht sich um sich selbst und je näher wir dem Äquator sind, desto weiter ist der Weg, der binnen 24 Stunden zurückgelegt werden muß; die Erde dreht sich um die Sonne; die Sonne wandert in weiten Kreisen ums Zentrum unserer Galaxis - und gelegentlich dreht man durch, weil es wahre Ruhe eigentlich nicht geben kann.

Einzig an den Polen unseres Planeten läßt sich das ewige Kreisen ein wenig reduzieren. Hier sind mit der Erddrehung keine Entfernungen mehr zu bewältigen. Man kreist vielmehr in sich, erlebt die ganz eigentümliche Kraft "am Ende der Welt". Indessen die größeren Zyklen weitergehen, findet man zu einer Art eigener Mitte, zu einem gewissermaßen planetarischen Äquilibrium, aus dem eine Musik entstehen kann, die jede Hektik ausgeschaltet hat - die Hektik der sogenannten Tagesgeschäfte, der Mode, der politischen und zwischenmenschlichen Hysterien, der Kursschwankungen und der ökonomischen Unwägbarkeiten.

Rotation 90°N ist eine in sich kreisende Meditation für tiefe Streicher. Sie erschien 1993 in einer Aufnahme mit dem Royal Philharmonic Orchestra bei dem australischen Label Arva. Eine Live-Aufführung fand am 2. November 1998 - wiederum mit dem Royal Philharmonic Orchestra - in London statt. Damals stand Rotation 90° N am Anfang eines Programms, das über das Violinkonzert e-moll von Felix Mendelssohn zur siebten Symphonie von Anton Bruckner führte und damit zu einem weiteren "heiligen" oder "magischen" Ort: "So oft ich von Luzern nach Wien oder Linz fahre, besuche ich Sankt Florian, wo Bruckner als Organist tätig war. Und wenn jemand auf der Orgel spielt, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, daß es er ist, der dort droben sitzt ... So entsteht ein Energiestrom von der Musik zur Architektur und wieder zurück zu der reziproken Architektur der gigantischen Bruckner-Symphonien".

The composer of ROTATION at the North Pole at latitude 90° North. Photograph: Lord Burghersh, 1998

Hier kommt dann freilich wieder die Dynamik ins Spiel; es entsteht eine neue Bewegung auf der Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält und sie rotieren läßt. Hin und wieder aber ist es eben nötig, Orte aufzusuchen, in denen sie vorübergehend zur Ruhe kommt. Denn nur wer staunen kann, kann auch erschaffen.
Robert Bachmann
Rotation 90 ° N
Musik für Streicher
Royal Philharmonic Orchestra
Dirigent Robert Bachmann
ARVA Classics CD-390004-2

The composer of ROTATION at the North Pole at latitude 90° North. Photograph: Lord Burghersh, 1998


Pressespiegel

Nach einem Aufenthalt am Nordpol schrieb der Schweizer Robert Bachmann (1944) diese meditative Musik für tiefe Streicher (Bratschen, Celli, Kontrabässe), die nicht nur Ruhe und Frieden wiedergibt, sondern auch die Erdachsendrehung, die Bachmann spürte und die Antrieb und Wesen seiner Komposition ist.

Die Musik ist düster, mystisch, kosmisch, auf Dauer monoton, aber doch gerade in dieser Einfachheit von Form und Aussage recht eindringlich. Das Gefühl von Einsamkeit und Stille konnte Bachmann nicht in einem Zehn-Minuten-Werk abhandeln. Die Dauer des Werkes ist also eine schöpferische Komponente. Sie ist Teil der merkwürdigen Kraft, die von dieser musikalisch kreisenden Meditation ausgeht. So ist Bachmanns Musik ein Stück jener wahren Ruhe, die es ihm zufolge eigentlich nicht geben kann. Nach 71 Minuten ist es daher auch vorbei. Aber wer mehr braucht, kann ja die Repeat-Taste einschalten ...

Pizzicato, Luxemburg, 3/2001

Wie in einen Strudel wird man hineingezogen. Aber, man ertrinkt nicht. Wie in einer Luftblase erlebt man die Umgebung, die sich um sich selbst dreht. Wunderschöne Musik zum Abheben.

Hermann, Cottbus, 3/2001



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