Home | Künstler | CD-Newsletter |Kontakt |Aktuell
CD-Newsletter
Ingrid Marsoner   September/Oktober 2009

 

Ingrid Marsoner, Klavier - Photo: Christian Jungwirth


Die Pianistin Ingrid Marsoner
Ein
Portrait

»Ingrid Marsoner ist eine tolle Musikerin, die sich völlig ihrer Kunst hingibt und mit dem Werk förmlich verschmilzt. Ich schätze sie als einfühlsame Pianistin, als expressive Künstlerin und als außergewöhnlichen Menschen.«

Also sprach Klaus Maria Brandauer. Ein Künstler, der schon beim kleinsten Anzeichen professioneller Schwächen unduldsam wird, weil er keine Lakaien, sondern Menschen seines Kalibers um sich haben will, wenn er mit seinen dramatischen oder seinen poetisch-musikalischen Auftritten nicht nur die Bühnenfläche, sondern den gesamten Theaterraum einnimmt. Wer aber, wie er, mit feinsten Antennen auf jeden noch so winzigen Mißton und jede emotionale Phasenverschiebung reagiert, der wird allerdings auch aus seinem Herzen keine Mördergrube machen, wenn die ersehnte mentale Chemie erreicht ist, sondern mit der ihm eigenen Begeisterung erzählen oder darstellen, was ihm erzählens- und darstellenswert erscheint. Und er wird eine Kooperation nur dann fortsetzen, wenn sie sich seinem Empfinden und seiner Konzeption nahtlos einfügt, wie das im Zusammenwirken mit Ingrid Marsoner während der letzten Jahre immer wieder geschehen ist ...

Sensible Pianistin

Andere kommen zu so ähnlichen Erkenntnissen, daß wir uns beinahe zwangsläufig werden fragen müssen, warum sich die »wundervolle« und
»sensible« Pianistin Ingrid Marsoner mit ihren »einfühlsamen Interpretationen und ihrer charaktervollen Bühnenpräsenz« nicht längst in aller Ohren und Gemüter hineingespielt, warum sie nicht von der einschlägigen Industrie »entdeckt« und mit einer kolossalen, hurtig zusammengestellten Diskographie in den gegenwärtigen Handel mit der Tonkunst geschickt wurde?

Lehrer und Auszeichungen


Die Antwort fällt denkbar leicht. Ingrid Marsoner, die bei dem
Edwin Fischer-Schüler Sebastian Benda und bei dem Moskauer Pianistin Rudolf Kehrer in Wien studierte, hat zwar verschiedene Wettbewerbe (darunter Steinway und Jeunesse musicale) für sich entschieden, mehrere beachtenswerte Stipendien erhalten und inzwischen nicht nur in vielen europäischen Städten, sondern auch in den USA und im Fernen Osten beeindruckende Erfolge erringen können: Doch trotz all dieser Signale für die musikalische Welt käme sie nie auf den Gedanken, um vordergründiger Lorbeeren willen in die Schlacht zu ziehen und womöglich irgendwelche Paradestücklein aufs Programm zu setzen, die ihren innersten Empfindungen widersprächen oder jene Art des Kompromisses erforderten, mit dem seit jeher (»ich war jung und brauchte das Geld«) der vielversprechende Weg in den geistigen Abgrund gepflastert ist.

»Wegweiser in die Ewigkeit«

Ingrid Marsoner gehört ganz entschieden nicht in diese Kategorie. Für sie entscheidet einzig und allein die Qualität des »Stoffes«, mit dem sie sich fast täglich beschäftigt:
»Klavierspielen ist eine Leidenschaft, wenn nicht sogar eine Sucht für mich,« meint sie, und manchmal fühle sie sich fast »wie eine Sklavin des Instruments«, das – welch Wunder für die Tochter eines Pianistenehepaars – den absoluten Mittepunkt ihres Lebens einnimmt. Um diese Art der Sklaverei und Abhängigkeit wird man freilich nur jemanden beneiden wollen, der nicht unter äußeren Zwängen und Einflüsterungen operiert, sondern ganz ursächlich aus Liebe und Verständnis, Neugier und Glauben heraus sich mit der selbstgewählten Materie auseinandersetzt. Dann allerdings möchte man gern mit jemandem tauschen, dem es gegeben ist, über die erste Berührung eines Werkes immer tiefer einzutauchen in die Welt, der es entstammt, auf die Spannungsverhältnisse zu hören, die in dieser Welt walten, und in dieser innigen Beschäftigung vielleicht diese »Wegweiser in die Ewigkeit« zu entdecken, die »für mich in bestimmten Werken von Schubert oder Beethoven der Inbegriff von Musik überhaupt sind«.

Ingrid Marsoner

Fähigkeit des Hin- und Zuhörens

Das ist in Gesellschaften, die lieber kritisieren als verehren, ein seltener Ansatz.
Die Fähigkeit, ein Geschaffenes als Botschaft und Werk zu betrachten, es einwirken zu lassen, anstatt sogleich die Knochensäge des Analytikers oder Musikpathologen zu bemühen – durch diese Fähigkeit des Hin- und Zuhörens, des Ertastens und Erfühlens wissen Künstler wie Ingrid Marsoner Tiefen oder Höhen aufzudecken, die keine noch so brillante Analyse wird »erklären« können. Gewiß, von einem bestimmten Punkt an wird ein begreifender, intelligenter Musiker auch die architektonischen Prinzipien und Baupläne nachvollziehen wollen. Doch eben erst dann, wenn der allübergreifende Geist nebst all seinen Empfindungen erspürt und erschlossen ist.


Weitere Informationen:
www.ingridmarsoner.at






Deshalb folgt man dem Klavierspiel von Ingrid Marsoner auch so gern: »Wenn sie einen Akkord anschlägt, dann hat man das Gefühl, daß sie über die jeweilige Harmonie hinaus etwas zum Schwingen bringt, wofür dieser Akkord nur Auslöser war. Und wenn sie ein Thema formt, dann tönt aus ihrem Spiel eine Spannung, die daraus entsteht, daß sie sich dem Thema anvertraut, ohne schon vorweg die Frage beantworten zu wollen, worin es letztlich mündet. Diese Qualitäten prädestinieren sie zur idealen Schubert-Interpretin« (Peter Blaha).

Ingrid Marsoners Schubert

Schöner könnte man’s kaum ausdrücken, und besser als auf der jüngsten CD, die Ingrid Marsoner kürzlich bei dem österreichischen Traditionslabel Gramola herausgebracht hat, werden wir’s derzeit kaum nachvollziehen können: dieses ganz spezielle, intelligent-unintellektuelle, wohlerwogene Annäherung an einen Komponisten, der uns eigentlich noch immer »bevorsteht«. Sechs Jahre trennen die Sonate A-dur D 664 von der 1825/26 als Opus 42 publizierten a-moll-Sonate D 845 – mithin die »unbeschwerte« Jugend von der Zeit nach der Katastrophe, doch es müßte schon einer mit Scheuklappen vor den Ohren der hier vorliegenden Aufnahme zuhören, um nicht zu bemerken, daß es sich um denselben Charakter, dieselbe künstlerische Persönlichkeit handelt, die beide Werke geschrieben hat.

Farben, die aus dem Klavier herauswollen wie die Hörnerklänge gegen Ende des Variationssatzes von 1819; spröde, karge Texturen zwischen Streichquartett und vollem Orchester namentlich in den Ecksätzen des Opus 42, in dessen Scherzo wiederum ein Irrlicht schwirrt, das sich offenbar selbst verirrt hat in seinem Weg durch eine Nacht, die trotz aller Schwärze keinen Zweifel daran läßt, daß ein Licht hinter allem wirkt; Schubert, der unvergleichliche Sänger, der mit einer einfachen harmonischen Wendung Abgründe aufreißen und doch gleich wieder mit versöhnlicher Handreichung darüber hinweghelfen kann; dessen bleiche Geister zwischen dunklen Hainen tanzen und doch nicht zur Gattung der Schumannschen Schimären gehören, weil sie sich aufhellen, sobald nur die Wolken der Vollmondnacht verflogen sind ...

Bach, Beethoven & Berg

Daß bei solch innigem Umgang mit der Geistes- und Geisterwelt gelegentlich die Grenzen zwischen Wachen und Träumen verwischen, daß einen mit andern Worten das Entdeckte nicht unbedingt gleich wieder ziehen läßt – davon kann Ingrid Marsoner ihrerseits ein Lied singen:

»Vieles spiele ich im Geiste immer und immer wieder durch, und manchmal, wie im Falle der Sonate op. 1 von Alban Berg, komme ich nicht in den Schlaf ...« Wobei ihr dann ein anderes Großwerk der Klavierliteratur doch wieder hilfreich sein dürfte – die Goldbergvariationen von Johann Sebastian Bach, mit denen sie sich gerade in der jüngster Zeit wieder häufig auseinandersetzt und für deren Live-Aufführungen sie auch auf internationalen Podien begeisterte Rezensionen geerntet hat.

Gerade diese einerseits so gewaltige und andererseits so intime Musik liegt Ingrid Marsoner besonders nahe: Ähnlich wie die späte Sonatentrilogie op. 109-111 von Ludwig van Beethoven, die Flüchtigen Visionen von Sergej Prokofieff (in denen übrigens der Erzlyriker einwandfrei den Sieg über den Zyniker davonträgt), die Klaviermusik von Leoš Janácek, die mannigfachen »Szenen« und Phantasmagorien Robert Schumanns.

Der Kreis der Kommunikation

All das wird ausgeglichen durch einen unfehlbaren Sinn für Humor, wie er insbesondere bei Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart, aber auch zum Beispiel in den Konzerten von Darius Milhaud oder Dmitri Schostakowitsch an die Oberfläche kommt, ohne je oberflächlich zu werden. Und das ist es am Ende, was Ingrid Marsoners Publikum immer wieder besonders beeindruckt: die verblüffende, spannungsgeladene Nähe von tiefstem Ernst und äußerstem Vergnügen, das Können, mit einem musikalischen Wimpernschlag umschalten und überraschen zu können, mit den Hörern gemeinsam und sozusagen im direkten Dialog mit deren Empfinden weiteste Wanderungen durch die Täler und über die Gipfel des klingenden Daseins zu unternehmen – immer wieder mit dem Blick auf jene Regionen, aus denen die schöpferische wie die nachschöpferische Persönlichkeit vor allem dann ihre Kraft bezieht, wenn sie »sich völlig ihrer Kunst hingibt und mit dem Werk förmlich verschmilzt.« Dann aber, und vor allem dann hat auch der Adressat erst seinen ganzen Anteil an den Ereignissen. Dann schließt sich der Kreis der Kommunikation und geschieht, was Idealisten wie Friedrich Schiller immer wieder erhofften: daß nämlich die Kunst im Menschen eine Kraft erweckt, die in der Lage ist, »den Menschen nicht bloß in einen augenblicklichen Traum von Freiheit zu versetzen, sondern ihn wirklich und in der Tat frei zu machen.«

2009, Eckhardt van den Hoogen

Franz Schubert


Franz Schubert
Sonaten A-dur op. posth. 120 D664
und a-moll op. 42 D845
Ingrid Marsoner, Klavier
GRAMOLA CD 98808
Vertrieb Codaex