Dass ausgerechnet die Cappella Coloniensis in einer Uraufführung den Ton angibt, mag auf den ersten Blick ein wenig ungewöhnlich scheinen. Schließlich befasst sich das Kölner Ensemble, seit es sich in den frühen Jahren des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders und unter der Ägide des Westdeutschen Rundfunks formierte, fast durchweg mit Fragen der historischen Aufführungspraxis, und auf diesem mehr als fünfzigjährigen Weg ist das Orchester, das seinerzeit als erstes auf alten Instrumenten spielte, inzwischen bis zur Romantik eines Carl Maria von Weber und Richard Wagner vorgedrungen – doch selbst die Einspielungen des Freischütz, Abu Hassan und Fliegenden Holländer fallen nicht eben in den eigentlichen Bereich der Premieren.
Das aktuelle Projekt, das WDR 3 in Zusammenarbeit mit der Düsseldorfer Tonhalle in seiner Reihe „WDR 3 Alte Musik im Konzert“ am 25. Mai verwirklichen wird, kann demgegenüber tatsächlich Erstmaligkeit für sich beanspruchen: Demofoonte - ein Opernfragment heißt die historische Hypothese, in der Sabine Radermacher mehrere Arien von Wolfgang Amadeus Mozart dergestalt mit instrumentaler Musik des jungen Meisters zu verbinden weiß, daß sich die Ansätze zu einer logischen und überzeugenden Vorstellung zusammenfügen, die etwas vom Faszinosum der opera seria im allgemeinen und der Geschichte um den thrakischen König Demophon im besonderen vermittelt.
Irrungen und Wirrungen hochherrschaftlicher Helden und Heldinnen, Verwechslungen und vertauschte Kinder, daraus resultierende Schuldhaftigkeit ohne ersichtlichen Grund, schäumende Emotionen und Götter, die vom Olymp herunter dräuen, bis im lieto fine möglichst alle Beteiligten miteinander versöhnt sind: Mehr war eigentlich nicht nötig, um ein gutes Libretto zu einer jener opere serie zu schreiben, die sich fast im gesamten 18. Jahrhundert einer solchen Beliebtheit erfreuten, daß manche Handlungen in bald einem Dutzend Vertonungen auf die Bühne gebracht wurden. Ganz besonders der italienische Abbate und nachmalige Wiener Hofpoet Pietro Metastasio hätte auf den größten europäischen Bühnen seinen Kreationen in immer neuen Varianten begegnen können – so auch der 1733 geschriebenen Geschichte um den thrakischen König Demophon (Demofoonte), die schon in den nächsten anderthalb Jahrzehnten mehrfach von musikalischen Größen wie Gluck, Jommelli und Hasse realisiert wurde.

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Auch Wolfgang Amadeus Mozart hatte sich in frühen Jahren mit dem Stoff zumindest partiell auseinanderzusetzen – immer dann nämlich, wenn er auf Zuruf eine Arie oder Szene aus dem Stegreif bzw. als Probestück zu komponieren hatte.
Vier dieser Arien entstanden während des Italienaufenthalts 1770/71 in Mailand oder Padua, mithin unter der Aufsicht des geradezu werbesüchtigen Vaters, der hier wie schon in früheren Jahren keine Gelegenheit ausließ, die stupenden Fertigkeiten seines Sohnes auf geradezu zirzensische Weise vorzuführen. Dessen ungeachtet hat sich Wolfgang Amadeus auch späterhin mit demselben Stoff befaßt: In München schrieb er während der Vorbereitungen des Idomeneo die Arie „Ma che vi fecde – Serai vicino” KV 368, und ein Jahr später brachte er in Wien „In te spero o sposo amato” KV 440 zu Papier.
Diese Einzelstücke bilden also den Ausgangspunkt des Pasticcios, das jetzt in der Düsseldorfer Tonhalle seine Premiere erlebt.
Darin geht es um das Menschenopfer, das in Thrakien alljährlich Gott Apollo dargebracht werden muß, bis ein „unrechtmäßiger Thronerbe” entdeckt wurde. Ohne es zu wissen, bringt König Demophon die Aufklärung des seltsamen Orakelspruches, als er für das gegenwärtige Jahr die junge Dircea zum Opfer bestimmt. Diese ist heimlich mit seinem Sohn Timante verheiratet, der Creusa heiraten soll, die wiederum von Demofoontes zweitem Sohn Cherinto geliebt wird. Es zeigt sich dann, daß Timante in Wirklichkeit der Sohn des Ministers und Dircea die Tochter des Königs ist – worauf in einer Apotheose sich fürwahr alles in Wohlgefallen auflöst. Cherinto wird der neue Herrscher, Apollo ist besänftigt, und fortan gibt es keine Opfer mehr.
Zur musikalischen Untermalung dieser abschließenden Wendung hat Sabine Radermacher in ihrer Bearbeitung einige Sätze aus Mozarts Pariser Ballettmusik Les Petits Riens herangezogen. Ansonsten werden die Vokalsätze durch frühe sinfonische Stücke und zwei Kassationen ergänzt, so daß dieser hypothetische Demofoonte ein unterhaltsames Hörspiel wird – wozu neben dem Komponisten eine in allen Partien hochkarätige Besetzung ihren Beitrag leistet: Der Schauspieler Matthias Habich übernimmt in dieser Aufführung die Rolle des Titelhelden, der zugleich auch die Handlung vorantreibt. Ihm zur Seite singen die Sopranistinnen Eleonore Marguerre (Timante), Sunhae Im (Dircea) und Netta Or (Creusa). Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Bruno Weil, den die Cappella Coloniensis nach langer fruchtbarer Zusammenarbeit vor vier Jahren zu ihrem Künstlerischen Direktor ernannte.
Das Projekt des WDR Köln wird aufgenommen und am 1. Juli 2007 um 20.05 Uhr auf WDR 3 Bühne.Radio gesendet.
Kartenvorverkauf
www.tonhalle-duesseldorf.de
Tickettelefon: 0211 - 89 96 123
[Eintritt: Euro 22,- / 13,- bzw. Schüler und Studenten Euro 5,-]
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Sabine Radermacher zum Demofoonte
Künstlerbiographien
Fotomaterial
Sunhae Im, Sopran
Eleonore Marguerre, Sopran
Cappella Coloniensis
Bruno Weil (Fotograf: Michael Schilhansl) |