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10 Jahre Neusser Musicalwochen   August / Septemberi 2006

 



Pollicino

 
Der Däumling wird riesig
Hans Werner Henzes Pollicino
und ein vielfaches Jubiläum
„Wenn die Kinder schauspielern, singen und musizieren, erzeugen und hören sie Klänge, denen sie später wieder begegnen werden, in Konzertsälen, hoffentlich auch in Opernhäusern: Klänge unserer Zeit. Musizierend und singend akzeptieren sie, was andere als ungewohnte Töne empfinden, als eine natürliche Tatsache, als einen Teil unserer Realität.”
(Hans Werner Henze)


Im Laufe seines Lebens hat sich Hans Werner Henze immer für jene Menschen eingesetzt, die ihm unterprivilegiert erschienen. Damit meinte er nicht jene „Armen”, die es wohl in jeder Gesellschaft gibt und die von entsprechenden Institutionen aufgefangen werden. Sondern vielmehr solche, denen es aufgrund sozialer Schieflagen nicht möglich war, ihre tatsächlichen Fähigkeiten zu entfalten, ihrem Streben nach Bildung, Wissen, künstlerische Betätigung zufriedenstellend nachzukommen.

Für einen Komponisten, der nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren bald schon mit den ersten großen Werken von sich reden machte und vom Establishment hofiert wurde; für einen Musiker, der im Laufe seines jetzt achtzig Jahre währenden Lebens zu einem der überragenden deutschen Symphoniker und Opernkomponisten unserer Zeit, zu einem „Leuchtturm” gar, wie unlängst eine Fachzeitschrift titelte, geworden ist: Für einen solchen Künstler hätte es vermutlich bequemere Wege gegeben, mit den eigenen Talenten zu wuchern.

Doch ihm ging es nie nur um die persönliche Anerkennung, sondern immer auch ganz besonders um übergreifende, gewissermaßen gesellschaftlich relevante Kreation, und so ist es kein Wunder, daß er sich immer wieder auch für die Musikausübung von Kindern und Jugendlichen engagiert, sie selbst auf seine ganz persönliche Weise ermöglicht hat. So entstand Ende der siebziger Jahre, während Henze zumindest gedanklich mit verschiedenen Großprojekten wie der Englischen Katze, der Bearbeitung von Monteverdis Ritorno d’Ulisse und der siebten Symphonie beschäftigt war, eine neue Kinderoper, die nach einem Vierteljahrhundert – wie so vieles aus dem Œuvre des Künstlers – zum Klassiker geworden ist.

Pollicino, die neu interpretierte Geschichte vom Däumling, war zunächst ein ganz lokales Ereignis. Vor genau dreißig Jahren – ein Jubiläum auch dies – gründete Henze in Montepulciano den Cantiere Internazionale d'Arte. Seiner Überzeugung folgend, wonach ihm künstlerische Kadetten einfach lieber seien als militärische, initiierte er wenig später den „Concentus Politianus”, eine Musikschule für Kinder. Und für sie komponierte er seine „erste italienische Oper”, wie er mit einem gewissen augenzwinkernden Stolz seinem damaligen Tagebuch anvertraute: „Stelle mir beim Schreiben lebhaft die wilden Politianer Kinder vor, wie ich sie kenne, und hoffe den richtigen Ton zu treffen und es nicht zu schwer sing- und spielbar zu machen.”

Das ist Hans Werner Henze definitiv gelungen. Nach der – seiner Beschreibung nach kindlich-chaotischen, gleichwohl umjubelten – Premiere vom 2. August 1980 hat die Kinderoper die Herzen der kleinen und großen Zuschauer und Mitspieler erobert. Was zunächst und in erster Linie natürlich den fantasievollen musikalischen Lösungen mit all ihren Anspielungen an traditionelle Formen der „Spielbarkeit” und „Sangbarkeit” der Musik zuzuschreiben ist – dann aber auch der Tatsache, daß sich dieses Stück von seinem zeitgebundenen ideologischen Hintergrund lösen und „interpretieren” läßt. Erst damit entsteht, wie bei jedem echten Kunstwerk, der wirkliche Spielraum, über den letztlich nicht einmal mehr der Komponist zu regieren hat: Wenn das geschehen ist, gehört seine Schöpfung der Welt ...


Deshalb bringen die Neusser Musicalwochen im zehnten Jahr ihres Bestehens dieses Werk auf die Bühne des Neusser Globe: Hier ist der Pollicino am 2., 3. und 9. September jeweils ab 19.30 Uhr sowie am 10. September ab 15.00 Uhr zu sehen. Doch dann wird die Oper, die Hans Werner Henze vor gut fünfundzwanzig Jahren für die Kinder von Montepulciano schrieb, an den Ort ihrer Uraufführung zurückkehren. Eingeladen von der seit fünf Jahren aktiven Europäischen Akademie, werden die Neusser Ausführenden ihre Produktion am 16. September 2006 ab 21.15 Uhr und am nächsten Tag ab 17.00 im Teatro Montepulciano vorstellen – an just demselben Ort, von wo aus der Pollicino die Kinderherzen und die Welt eroberte, wo seit vielen Jahren ein berühmtes Festival stattfindet und wo wohl auch der soeben achtzig Jahre alt gewordene Schöpfer des Stückes seine Kreation wieder einmal wird miterleben können.

Premiere: 2. September 2006, 19.30 Uhr im Globe Theater Neuss
Weitere Termine: 3., 9. (19.30 Uhr) und 10. September (15.00 Uhr), Globe Theater Neuss
16. und 17. September im Teatro Poliziano, Montepulciano / Italien

Neben den professionellen Musikern und Schauspielern sind über 60 Kinder und Jugendliche im Orchestergraben sowie auf der Bühne an der Aufführung beteiligt.


Henze mit den Kindern der Uraufführung in Montepulciano © Schott Musik

Vorverkaufsstellen in Neuss:

Platten Schmidt, Theodor Heuss Platz 7, Tel.: 02131 24554
Tourist Information, Büchel 6, Tel.: 02131 273242
Rheinisches Landestheater, Oberstr. 96, Tel.: 02131 269933
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Vorverkauf für Montepulciano

(Pollicino): www.palazzoricci.info
hensen@mhs koeln.de – Tel. 0221 912818216
 
Für weitere Informationen:
www.neusser-musicalwochen.de


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