Mehr
als ein Jahrzehnt ist vergangen, seit die bis dato letzte
Einspielung der Matthäus-Passion von Johann
Sebastian Bach in einer Interpretation auf modern-herkömmlichem
Instrumentarium erschien. Was immer in der unmittelbaren
Zeit vor und nach dieser Veröffentlichung –
Helmuth Rilling leitete damals die Stuttgarter Bachakademie
– auf den Markt kam, waren Darstellungen auf period
instruments, mit denen sich das Early Music
Movement um möglichst authentische Klanglichkeiten
bemüht.
Seine Erfahrungen mit der historischen Aufführungspraxis
und den sogenannten Originalinstrumenten hat auch Helmut
Müller-Brühl gemacht, als er seinerzeit das
Kölner Kammerorchester in die Capella Clementina
verwandelte und zehn Jahre lang die Welten des barocken
und klassischen O-Tons erkundete, wobei er eine Vielzahl
vergessener Schätze aus Konzert, Symphonik und
Oper wiederentdeckte.
Aus diesen ganz praktischen Erkenntnissen reifte ein
künstlerischer Ansatz, der vor zwanzig Jahren –
als das Kölner Kammerorchester erstmals wieder
zu den modernen Instrumenten griff – noch ein
wenig belächelt wurde, sich inzwischen aber als
eine geradezu prophetische Synthese von unerhörter
Breitenwirkung erwiesen hat.
Sämtliche Aufnahmen und Konzerte des Kölner
Kammerorchester unter Leitung von Helmut Müller-Brühl
bieten diese Mischung, sind also historically informed
bei gleichzeitiger Verwendung moderner Instrumente.
Weshalb denn auch die neue Darstellung der Matthäuspassion
zunächst nicht eigentlich eine Neudeutung des großen
Werkes sein soll, sondern – vergleichbar der Serie
geistlicher Solokantaten, die derzeit veröffentlicht
wird – »den aufführungspraktischen
Diskurs um eine Lesart, die die Ideen beider Lager sinnvoll
vereint, bereichern« will, wie das Matthias Hengelbrock
treffend im FonoForum (10/05) ausgedrückt
hat.
»Neue Aspekte,« so Helmut Müller-Brühl,
der sich mit dieser Realisation einen langgehegten Traum
erfüllt hat, »ergeben sich auch aus der von
Emil Platen in seiner Analyse der Matthäuspassion
vorgeschlagenen Szeneneinteilung des ersten und zweiten
Teiles in je 14 Stationen mit vorausgehendem Prolog
und nachfolgendem Epilog. Diese Einteilung wird hier
durch die hörbare Gliederung der Szenenabfolge
erstmals auch musikalisch umgesetzt.
»Die meditative Ausdeutung der Partitur verzichtet
bewußt auf eine durch die historische Aufführungspraxis
in Mode gekommene subjektive Dramatisierung des Handlungsablaufes.
So sind etwa die Choräle wieder auf den einfachen,
betrachtenden Gemeindegesang zurückgeführt
und verzichten auf die expressive Kommentierung des
Passionsgeschehens. Auch diese Sicht auf Bachs Werk
ist für heutige Hörer wieder ein Novum.«
Das Ergebnis ist nun eine Interpretation, die der Zeitlosigkeit
der Matthäuspassion auch unter aufführungspraktischen
Gesichtspunkten gerecht wird – weshalb es gewiß
auch nicht verfehlt ist, sie zu einer Jahreszeit herauszubringen,
die eigentlich nichts mit der Passion zu tun hat: Doch
diese Musik und ihre Botschaft nur auf die Phase zwischen
Karneval und Ostern zu reduzieren wäre wohl ebenso
einseitig wie der Glaube an eine allein seligmachende
Wiedergabe.
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KONZERTÜBERSICHT
November/Dezember 2005 |
| 1./5.
Nov 05 |
Köln,
Philharmonie
Unvollendete Vollendung
Mozart Requiem
Schubert Sinfonie h-moll Nr. 7 |
| 4.
Nov 05 |
Paris,
Theatre des Champs Elysees
J.S. Bach Kantaten und Suiten |
| 6.
Nov 05 |
München,
Prinzregententheater
Unvollendete Vollendung
Mozart Requiem
Schubert Sinfonie h-moll Nr. 7 |
| 10.
Dez 05 |
München,
Prinzregententheater
Weihnachten mit Beethoven
Beethoven Violinkonzert
Sinfonie Nr. 6
Solist: Daniel Hope |
| 11./12.
Dez 05 |
Köln,
Philharmonie
Weihnachten mit Beethoven
Beethoven Violinkonzert
Sinfonie Nr. 6
Solist: Daniel Hope
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Weitere
Informationen:
www.koelnerkammerorchester.de
Johann
Sebastian Bach
Matthäuspassion BWV 244
Nico van der Meel, Tenor/Evangelist
Raimund Nolte, Bassbariton/Jesus
Locky Chung, Bass/Petrus, Judas, Pilatus, Hohepriester
Claudia Couwenbergh, Sopran • Marianne Beate
Kielland, Alt
Markus Schäfer, Tenor • Hanno Müller-Brachmann,
Bass
Dresdner Kammerchor • Hans-Christoph
Rademann
Knaben des Kölner Domchores
• Eberhard Metternich
Kölner Kammerorchester
Gesamtleitung Helmut Müller-Brühl
Naxos 3 CD 8.551240-42 [VÖ: 21. November 2005]
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