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Ausgabe: November / Dezember 2004

Inhalt:

Von Segeln, Sängern, Kohlen und einsamen Inseln
Evgeni Koroliov spielt Claude Debussy

Auryn’s Beethoven Folge 3

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Von Segeln, Sängern, Kohlen und einsamen Inseln
Evgeni Koroliov spielt Claude Debussy



Sechs Produktionen hat der russische Pianist Evgeni Koroliov seit 1990 mit Andreas Spreer für TACET aufgenommen, und sie alle könnte man mit Fug und Recht in den Koffer für die einsame Insel packen. Die exquisiten Jahreszeiten von Peter Tschaikowsky ebenso wie das ergreifende Schubert-Album oder das freche, provokante Prokofieff-Recital – vor allem aber die drei Bach-CDs, die mit geradezu einstimmigen Lobeshymnen gefeiert wurden: Die 1990 entstandene Aufnahme der Kunst der Fuge (Tacet 13) und die beiden im Jahre 2000 erschienenen Bände des Wohltemperierten Claviers (Tacet 93 und 104) sind von solch bezwingender Eigenart und von einem derart tiefen Verständnis für die Sache geprägt, daß »Koroliov aus großer Rechen- und Formkunst ... zur Musik durchdringt« (Frankfurter Rundschau) – und »daß man seine Interpretation gleich noch einmal hören möchte« (Hamburger Abendblatt), »Selten hat man Bachs Musik so durchdacht, reif, schlackenlos gehört wie hier« (Süddeutsche Zeitung).


Claude Debussy Préludes pour piano
Ersteinspielung: »Les soirs illuminés par l’ardeur du charbon«
Evgeni Koroliov, Klavier
TACET 2CDs 131
(Vertriebe: Deutschland: Johannes Gebhardt,
D-72144 Dußlingen,
Österreich: Music Partner, A-2340 Mödling, Schweiz: Smart Music Sàrl, CH-1337 Vallorbe)




 

Wer nun allerdings vermuten wollte, es müsse sich bei dem 55jährigen Russen mit Wohnsitz in Hamburg um einen Tasten-Esoteriker handeln, der sieht sich getäuscht: Auch im Konzertsaal – und Evgeni Koroliov kennt die größten der Welt – vermag er ebenso zu fesseln wie im engen Bezirk der heimischen Lautsprecher. Und er kann, wie ein Rezensent des Figaro begeistert registrierte, mit wenigen Hand=Griffen verzaubern: »Evgeni Koroliov betritt die Bühne, grüßt schnell, legt die Hände auf die Tasten ... und siehe da, schon befindet man sich in einer andern Welt.«
So geschieht’s nun auch bei Anhörung seiner jüngsten Glanztat, die im Oktober des vorigen Jahres in Oslo aufgenommen wurde. Koroliov spielt die beiden Bände der Préludes von Claude Debussy, und das tut er in einer Weise, die man auch gleich wieder in der ersten Reihe wird postieren wollen – weil er nämlich, ohne die quasi »nachgereichten« Inhalte der Untertitel zu vernachlässigen, wieder auch der in Strukturen denkende Künstler ist, der sich nicht von Stimmungen aus der Form bringen läßt. Gewiß, wir hören die fernen Segel vorüberziehen; der Schnee knirscht kaum hörbar unter den Schritten; der Serenadensänger hat seine komischen Probleme; und die Minstrels kobolzen wie bunte Motten umher. Doch zugleich läßt der Interpret keinen Zweifel daran, daß es sich hier auch (und womöglich in erster Linie) um Studien handelt, um Kompositionen über Terzketten, Akkordtrauben, Tastenfeuerwerke, Brechungen historischer Modelle, wie sie die Clavecinisten geschaffen haben, Reflexionen aber auch der aktuellen Gegenwart – und dieses Wissen bändigt den vermeintlichen »Impressionismus«, ohne auch nur ein Jota der zutiefst sinnlichen Konstruktionen zu unterschlagen.
Als Ersteinspielung enthält das Doppelalbum ein letztes Prélude, das erst Ende 2001 bei einer Versteigerung wieder ans Licht kam: Les soires illuminés par l’ardeur du charbon (Der Himmel, von der Glut der Kohlen erleuchtet) aus dem Jahre 1917 war offenbar eine musikalische Danksagung an einen Kohlenhändler, der Debussy sehr schätzte und ihn im Krieg mit ansonsten streng rationiertem Heizstoff versorgte. Vollständiger hat es die Préludes bislang noch nicht gegeben.


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