Sechs
Produktionen hat der russische Pianist Evgeni Koroliov seit
1990 mit Andreas Spreer für TACET aufgenommen, und sie
alle könnte man mit Fug und Recht in den Koffer für
die einsame Insel packen. Die exquisiten Jahreszeiten
von Peter Tschaikowsky ebenso wie das ergreifende Schubert-Album
oder das freche, provokante Prokofieff-Recital – vor allem
aber die drei Bach-CDs, die mit geradezu einstimmigen Lobeshymnen
gefeiert wurden: Die 1990 entstandene Aufnahme der Kunst
der Fuge (Tacet 13) und die beiden im Jahre 2000 erschienenen
Bände des Wohltemperierten Claviers (Tacet 93
und 104) sind von solch bezwingender Eigenart und von einem
derart tiefen Verständnis für die Sache geprägt,
daß »Koroliov aus großer Rechen- und Formkunst
... zur Musik durchdringt« (Frankfurter Rundschau) –
und »daß man seine Interpretation gleich noch einmal
hören möchte« (Hamburger Abendblatt), »Selten
hat man Bachs Musik so durchdacht, reif, schlackenlos gehört
wie hier« (Süddeutsche Zeitung).
Claude Debussy Préludes pour piano
Ersteinspielung: »Les soirs illuminés par l’ardeur
du charbon«
Evgeni Koroliov, Klavier
TACET 2CDs 131
(Vertriebe: Deutschland: Johannes Gebhardt,
D-72144 Dußlingen,
Österreich: Music Partner, A-2340 Mödling, Schweiz:
Smart Music Sàrl, CH-1337 Vallorbe)
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Wer
nun allerdings vermuten wollte, es müsse sich bei dem
55jährigen Russen mit Wohnsitz in Hamburg um einen
Tasten-Esoteriker handeln, der sieht sich getäuscht:
Auch im Konzertsaal – und Evgeni Koroliov kennt die
größten der Welt – vermag er ebenso zu
fesseln wie im engen Bezirk der heimischen Lautsprecher.
Und er kann, wie ein Rezensent des Figaro begeistert
registrierte, mit wenigen Hand=Griffen verzaubern: »Evgeni
Koroliov betritt die Bühne, grüßt schnell,
legt die Hände auf die Tasten ... und siehe da, schon
befindet man sich in einer andern Welt.«
So geschieht’s nun auch bei Anhörung seiner jüngsten
Glanztat, die im Oktober des vorigen Jahres in Oslo aufgenommen
wurde. Koroliov spielt die beiden Bände der Préludes
von Claude Debussy, und das tut er in einer Weise, die man
auch gleich wieder in der ersten Reihe wird postieren wollen
– weil er nämlich, ohne die quasi »nachgereichten«
Inhalte der Untertitel zu vernachlässigen,
wieder auch der in Strukturen denkende Künstler ist,
der sich nicht von Stimmungen aus der Form bringen läßt.
Gewiß, wir hören die fernen Segel vorüberziehen;
der Schnee knirscht kaum hörbar unter den Schritten;
der Serenadensänger hat seine komischen Probleme; und
die Minstrels kobolzen wie bunte Motten umher.
Doch zugleich läßt der Interpret keinen Zweifel
daran, daß es sich hier auch (und womöglich in
erster Linie) um Studien handelt, um Kompositionen über
Terzketten, Akkordtrauben, Tastenfeuerwerke, Brechungen
historischer Modelle, wie sie die Clavecinisten geschaffen
haben, Reflexionen aber auch der aktuellen Gegenwart –
und dieses Wissen bändigt den vermeintlichen »Impressionismus«,
ohne auch nur ein Jota der zutiefst sinnlichen Konstruktionen
zu unterschlagen.
Als Ersteinspielung enthält das Doppelalbum ein letztes
Prélude, das erst Ende 2001 bei einer Versteigerung
wieder ans Licht kam: Les soires illuminés par
l’ardeur du charbon (Der Himmel, von der Glut
der Kohlen erleuchtet) aus dem Jahre 1917 war offenbar eine
musikalische Danksagung an einen Kohlenhändler, der
Debussy sehr schätzte und ihn im Krieg mit ansonsten
streng rationiertem Heizstoff versorgte. Vollständiger
hat es die Préludes bislang noch nicht gegeben.
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