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Künstler
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![]() Elly Ney und Wilhelm Kempff |
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... Ein geheimnisvoll angeschlagener Akkord (Beethoven, Sonate d-Moll)
- und der Zuhörer war an ihren Stromkreis angeschlossen. Was sich
dann begab, das kann und soll nicht mit Worten beschrieben, soll nicht
wissenschaftlich seziert werden. Wer Ohren hat zu hören, der hat
es gehört! Und es war keineswegs damit getan, sondern es tönte
weiter in den Herzen der Zuhörer, die vom ersten Auftreten dieser
größten nachschaffenden Künstlerin es begriffen hatten,
daß eine solche Kunst ihre Kraft aus den Wurzeln zog, die in den
unergründlichen Tiefen der menschlichen Seele beheimatet sind."
Wilhelm Kempff |
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Selbstverständlich
gehörten ihr Ehemann Willem van Hoogstraten und ihre Kammermusikpartner
zum engsten Kreis ihres musikalischen Umfeldes. Als Namen stehen hier
neben van Hoogstraten die Geiger Wilhelm Stroß und Max Strub und
der Cellist Ludwig Hoelscher. Sie alle waren Nachfahren einer der Klassik
entsprungenen Tradition. Es ist seltsam, daß ihr gemeinsamer genealogischer
Ursprung, wenn man das so formulieren darf, bei ein und demselben, nämlich
bei Joseph Joachim lag, dem Freund Mendelssohns, Schumanns und Brahms',
bei jenem Meister, dessen geigerische Herkunft über Böhm zu
Rode und Viotti bis in die Beethoven-Zeit zurückzuführen ist.
Hoogstraten, der von Haus aus Geiger war, gehörte durch Schmuller,
den Auer-Schüler und Enkelschüler Joachims, wie durch Bram Eldering,
zu den unmittelbaren Schülern Joachims, Stross und Strub ebenfalls
durch Eldering, Stross sogar zwiefach noch durch Flesch, der über
Marsick ein Enkelschüler Joachims war. Der Völlständigkeit
halber muß noch der zeitweise mitspielende Bratscher Valentin Härtl
genannt werden, weil kurioser Weise seine Lehrergenialogie bei eben jenem
Hellmesberger einmündet, in dessen zeitlichem Umfeld Joseph Joachim
heranwuchs. Es ist also kein Zufall, wenn sich das sehr merkwürdige Stil-Phänomen in dieser zunächst als spekulativ zu vermutenden Assoziationskette veranschaulichen läßt, und wie hier aus dem engen Verflochtensein von Generationen organisch ein Ganzes gewachsen ist, dessen gemeinsames Merkmal als ihr Stil bezeichnet werden darf, eine künstlerische, eine geistige und ästhetische Gesetzmäßigkeit, um die sie alle ganz genau wußten. In der Weiterführung dieser Gesetzmäßigkeit sahen sie ihre große, schwere Aufgabe. Über all das Persönliche und Technische hinaus wird darum diese stilistische Gemeinsamkeit, ihre Auffassung von Wesen und Wert der Musik, zu einem künstlerischen Programm, dessen klassische Wurzel in der seltener gewordenen Tugend der Freiheit künstlerischer Unterordnung zu finden war. Es ging nicht um das selbstherrliche Gebaren, sondern die Einfachheit des Selbstverständlichen, nichts weiter war zu tun als auf der Basis hohen technischen Könnens ganz einfach Musik zu machen. Dabei war absolute Werktreue immer conditio sine qua non, ebenso wie das Handwerkliche der Technik, aber es ging nicht wie heutzutage um überzogene Perfektion, d.h. man trauerte nicht um gelegentlich mal sich einschleichende falsche Töne, die jedem und überall unterlaufen zu allen Zeiten. Die Wertschätzung der Zeitgenossen zu gewinnen, war zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts viel viel leichter als in unseren Tagen. Damals war die Menschheit nicht mit Musik übersättigt, man konnte den akustischen Impulsen auch gar nicht so schnell folgen. Folglich setzte man nicht auf schnelles gar uhrwerkartiges oder maschinelles Spiel. Das Geheimnis des Erfolges lag zumeist in der Erzeugung von Spannungen und der Darstellung großer Linien und Bögen im langsamen Spiel - was übrigens auch heute noch gilt, und weswegen das Langsam-Spiel viel schwieriger ist, als das Schnellspielen. Das
technische Können dafür hatte Elly Ney seit 1892 nacheinander
bei den Lehrern Franz Wüllner und Isidor Seiß in Köln
und bei Theodor Leschititzky und Emil von Sauer in Wien erlernt und stand
somit als Enkelschülerin in der Nachfolge Franz Liszts. Mit diesem
Rüstzeug spielte sie gleich nach der Jahrhundertwende hochkomplizierte
und äußerst leidenschaftliche Musik, die sie nicht nur bewältigte
sondern scheinbar mühelos beherrschte. Wie auch heute noch zu erleben,
gab es Augenblicke, die selbst abgestumpfte Zuhörer und Musikkenner
wie Musikliebhaber in ergriffenes Staunen versetzten. Das bewirkte allein
schon die Werkauswahl von der Klassik über die Hochromantik bis zur
Spätromantik hin, Musik, die mit den Städten Wien, Salzburg
und München lokal verbunden ist. Perlende Kaskaden, himmlische Längen
und ausgesungene oder auch hingehauchte Melodien (ohne abgetriebene Endsilben),
das war die Musik die Joachims Nachfahren und mit ihnen Elly Ney zelebrierten. Elly
Ney war ein Kind der Romantik und blieb dies auch. Mit der Kunst ist es
wie mit der Religion: soll man sie so weitergeben, wie sie einst verkündet
wurde, oder soll sie mit der Zeit
gehen und sich den Zeitläuften anpassen. Beim Künstler sollte
man aber davon ausgehen, daß er sich so offenbart, wie er in seiner
Ausbildung einmal geformt worden ist, von was er einmal überzeugt
wurde, was er einmal verinnerlicht hat. Bleibt er dann dabei, dann ist
es kein Unvermögen, keine Bequemlichkeit, sondern ein Wesensteil
seiner selbst - und das muß man nicht ändern, es sei denn man
will zeitgemäß experimentieren, womit man dann aber sich der
Möglichkeit begibt, sich von anderen zu unterscheiden, seinem persönlichen
Stil treu zu bleiben und ihn immer verinnerlichter zu offenbaren. Schwinden
nämlich naturgemäß mit zunehmendem Alter die Kräfte,
dann wird dieser Vorgang aufgewogen durch verinnerte Reife und Abgeklärtheit.
Alter Wein ist köstlich und kostbar.
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An den
Großen des vergangenen Jahrhunderts wurde aus allen den Gründen
in der zweiten Jahrhunderthälfte herumkritisiert, wegen der sie
in der ersten Hälfte hochgejubelt worden sind. Lassen wir Elly
Ney selbst zu Worte kommen? "Sicheres
Zeichen für den Wert eines neuen Werkes ist die Steigerung des
Eindrucks bei öfterem Hören" schrieb sie einmal nieder,
als sie kurz hintereinander Honeggers "König David",
Kodalys "Ungarischen Psalm" und Chorwerke von Petyrek und
Andre Capler sowie Instrumentalkonzerte von Hindemith und Kurt Weill
sowie ein Quartett von Schönberg gehört hatte. "Ein
krampfhaftes Sichverschließen vor den für manche Ohren noch
ungewohnten Klängen moderner Musik wäre ebenso töricht
wie das starre Festhalten an alten Instrumenten....oder auch an der
alten Dekoration der Wagnerschen Bühnenbilder in Bayreuth"(nota
bene !). Immer wieder
finden sich Hinweise auf "das natürlichste Instrument, die
menschliche Stimme": Singen muß das Klavier, der Gesang muß
"mit Liebe und Sorgfalt" vorgetragen werden....... "Die
echte, wahrhaft gute Musik läßt höhere Welten ahnen". Abschließend
soll aus einer Kritik des großen Münchener Kritikers Alexander
Lesch, genannt Berrsche, zitiert werden - geschrieben 1917 hatte sie
bis zum Schluß mutatis mutandis Gültigkeit: "Endlich
wieder einmal eine Persönlichkeit, bei der Musikalisches und Technisches
sich die Waage halten, eine Natur, die das Organische des kompositionellen
Geschehens klar erfaßt und zugleich die Mittel besitzt, ihre Erkenntnis
bis in die zartesten, unwägbaren Schwebungen intuitiven Fühlens
sicher und unzweideutig zu gestalten. Es ist der höchste Triumph
solcher Künstler, daß es nicht möglich ist, ihre Technik
als solche zu würdigen. Wo alles zum vollkommenen Ausdrucksmittel
des Geistigen geworden ist, scheitert das Bemühen, das Technische
allein zum Zweck der Betrachtung loszulösen, aus demselben Grund
wie der Versuch, beim Anhören der Muttersprache nur das tote Klangbild
in sich aufzunehmen, ohne zugleich den Sinn der Worte zu erfassen......Ich
habe eine so durchgeistig aufgebaute, rhythmisch kraftvolle und lyrisch
zarte Spielweise wie die ihrige bis jetzt noch nicht erlebt: mit unendlicher
Feinheit im Ausdruck und Klang, und doch groß und ohne alle spielerisch
verniedlichende Stilhuberei". Wer
Elly Ney noch nicht kennen sollte, sie aber kennen lernen möchte,
der versenke sich in ihre Musikwelt. Modernste Technik machts möglich.
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